Bürgermeister und Kuratorin äußern sich zur „Scherl-Debatte“
Auszüge aus den Reden
In einem würdevollen Rahmen vor viel Publikum wurde die Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstages von Hanns Scherl am vergangenen Sonntag eröffnet. Im großen Sitzungssaal des Alten Rathauses äußerten sich Bürgermeister Joachim Rodenkirch und Kuratorin Eva-Maria Reuther auch zu den Auseinandersetzungen und Behauptungen im Vorfeld der Ausstellung. Zu diesem Thema hier Auszüge aus den beiden Reden.
Bürgermeister Joachim Rodenkirch stellte heraus, dass er im gesamten Werk des Künstlers Hanns Scherl immer den Menschen im Mittepunkt sieht. „Der ganze Mensch im engen Kontext mit der Natur, den Mitmenschen und Gott“. Er sehe bei Hanns Scherl immer „ein Zueinander und nie ein Auseinander“. Rodenkirch weiter:
„Leider hat die unnötige Diskussion der Vergangenheit, die niemand gebraucht und niemanden genützt hat, die von außen und mit anderen Zielen befeuert wurde, ein Auseinander erzeugt …. Ein Auseinander, ausgelöst von einer kleinen Clique, das zum Teil ohne Maß und Ziel vorgetragen wurde und sich im Wesentlichen mit Erhöhen und Erniedrigen beschäftigt hat.“
„Ein Auseinander, dass, wenn ich an St. Markus denke, wo beide, Meistermann und Scherl, der eine durch Kirchenfenster, der andere durch Altar und Ambo, über Jahrzehnte ohne Probleme miteinander existieren konnten, keinen fundierten Hintergrund hat.“
„Ich wünsche mir wieder ein Zueinander. Ein Zueinander, das faire Diskussionen ohne Vorverurteilungen ermöglicht und das von Respekt und Achtung getragen ist und nicht von Anmaßungen Nachgeborener.“
Joachim Rodenkirch schloss seine Begrüßungsworte ab: „Sehr geehrte Damen und Herren,
machen Sie sich selber ein Bild und bilden Sie sich selber eine Meinung. Sie sind alle mündige Bürgerinnen und Bürger und brauchen niemanden, der Ihnen mit dem Anspruch der Deutungshoheit die Welt erklärt. Ich freue mich über eine Begegnung mit dem Werk von Hanns Scherl und über persönliche Gespräche mit Ihnen bei einem Glas Wein im Anschluss an die Eröffnung. Vielen Dank!“
Bürgermeister Joachim Rodenkirch dankt Ausstellungskuratorin Eva-Maria Reuther für die gelungene Geburtstagsausstellung (Foto: Hanns-Wilhelm Grobe).
Eva-Maria Reuther, die Kuratorin der Ausstellung, leitete ihre Rede mit den Worten ein: „Wenn ich an Hanns Scherl denke, denke ich an einen Menschen von großer Herzlichkeit, Aufgeschlossenheit und einer nahezu unermüdlichen Energie“.
Unter Hinweis auf die im Flur des ersten Obergeschosses aufgestellte Vitrine mit einer Originalausgabe des „Opferring-Buches“ von 1936 führt Frau Reuther aus: „Wir betrachten unsere Vitrine ganz entschieden als Beitrag zur politischen Bildung, soll heißen als Beitrag zur geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Bewusstseinsbildung für jedermann, aber ganz besonders für Schüler und Jugendliche. Es reicht nicht, Mausoleen und Denkmäler für die Helden und Mahnmale für die Opfer zu errichten. Wir müssen aufklären und über Wissen Bewusstsein schaffen. Das ist allerdings etwas anderes, als ein Feindbild durch ein anderes zu ersetzen. Wir müssen lernen und ganz besonders unsere Kinder und Jugendlichen lehren, differenziert zu urteilen und zu bewerten. Wir müssen lernen und lehren, alles Tun auch das Künstlerische unter Berücksichtigung aller Umstände und unter Zuhilfenahme des gesicherten Wissens zu würdigen und zu bewerten. Und was wir nicht sicher wissen, darüber haben wir, wenn unsere Vermutungen ehrenrührig sein könnten, zu schweigen. Das ist nicht nur eine unerlässliche Forderung an jede humane Gesellschaft, das ist auch das Prinzip des Rechtstaats und jedes rechtsstaatlichen Bewusstseins“.
„Schwarz-weiß Malerei und platte eindimensionale Bilder sind das Instrument der Diktaturen. Demokratie und Freiheit wissen um Nuancen, Widersprüche, um Brechungen und Vielschichtigkeit“.
„Meine Damen und Herren, in diesen Tagen ist viel von Irrtümern, von Verstrickungen sogar von Schuld und Nazikunst die Rede gewesen. Grundsätzlich gehören Irrtümer und Irrwege zum Menschsein. Wer das nicht aushält, hält Menschsein nicht aus. Von Hanns Scherl wissen wir, dass er 1937 einen Antrag zur Aufnahme in die NSDAP gestellt hat, 1938 wurde er aufgenommen. Die Umstände des Antrags kennen wir nicht. 1939 wurde Hanns Scherl Soldat. Bis 1945 war er im Krieg.
Dass ein Künstler Mitglied der NSDAP war, macht ihn nicht automatisch zum Nazi Künstler. Ein nationalsozialistischer Künstler ist, wer nationalsozialistische Ideologie ins Bild setzt und verherrlicht. Wir kennen von Hanns Scherl drei bis vier Auftragswerke für nationalsozialistische Auftraggeber. Auch hier kennen wir nicht die Umstände. Sicher ist indes, dass Hanns Scherl bitter arm war, künstlerisch bislang ein Niemand, die Auftraggeber hingegen mächtig und einflussreich. Ganz allgemein ist zu sagen, dass nicht jeder, der im Dritten Reich weiter arbeiten und ausstellen konnte, damit ein nationalsozialistischer Künstler war, genauso wenig wie jeder, der einen Bauer mit Pferd, eine Familie oder Menschen bei der Arbeit dargestellt hat, ein Blut- und Boden Künstler ist. Die inhaltliche Substanz ist entscheidend. Kunst ist nun mal vielmehr Ausdruck als Eindruck.“

Anregende Gespräche werden im Foyer und in den sechs Ausstellungsräumen am Tag der Vernissage geführt. Rund 350 Interessierte kamen dazu am Sonntag ins Alte Rathaus (Foto: Hanns-Wilhelm Grobe).
„Ich persönlich bezweifele, dass Hanns Scherl in den fraglichen Jahren zwischen 1933 und 1939 überhaupt schon einen eigene Position hatte. Wenn Sie sich die schönen Bronzen von 1935 und 1938, den Sebastian von 1934 und das hinreißende Kälbchen wiederum von 1938 anschauen, werden Sie einen augenfälligen Stil Pluralismus erkennen. Hier sucht sich ohne Zweifel ein junger Künstler seinen Standort. Für Hanns Scherls Gesamtwerk ist festzustellen: Hanns Scherl ist ein dem Gegenstand verpflichteter Realist, der wie Fernand Hofmann zu Recht feststellt, im christlichen Humanismus wurzelt“.
Die kompletten Reden von Bürgermeister Rodenkirch und von Eva-Maria Reuther stehen unter den folgenden Links
- Grußwort des Bürgermeisters anlässlich der Ausstellungseröffnung der Werke von Hanns Scherl am 16. Mai 2010 im Alten Rathaus
- Eva-Maria Reuther - Eröffnungsrede zur Ausstellung: „Hanns Scherl zum 100. Geburtstag“
auf der Homepage der Stadt Wittlich bereit.
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