Ausgewählte Arbeiten aus mehr als 60 Jahren
Die Geburtstagsausstellung von Hanns Scherl im Alten Rathaus
Fünf Tage vor seinem 100. Geburtstag hat am Sonntag die Ausstellung "Hanns Scherl zum 100. Geburtstag- Bildhauerische Arbeiten und Zeichnungen" eröffnet. In sechs Räumen der städtischen Galerie im Alten Rathaus Wittlich zeigt Kuratorin Eva-Maria Reuther rund 80 ausgewählte Arbeiten des Wittlichers Scherl (1910-2001) aus mehr als 60 Jahren. Zu seinen frühesten Förderern gehörte der Wittlicher Dechant Werle. Er verschaffte dem Künstler 1934 den ersten großen Auftrag: die Wandskulptur des Heiligen Sebastian, die bis heute an der Außenwand von St. Markus in Wittlich zu sehen ist.
Überfüllt ist zur Eröffnung der Große Sitzungssaal im Alten Rathaus. Rund 350 Besucher sind allein am Tag der Eröffnung gekommen und suchen anlässlich des Internationalen Museumstages 2010 die persönliche Werkbegegnung mit Hanns Scherl, dessen Großplastiken aus dem öffentlichen Raum in der Region nicht wegzudenken sind. Öffentlich wurde auch über drei Jahre diskutiert, ob diese Ausstellung an diesem Ort stattfinden kann. Der Auseinandersetzung fiel auch der Name "Georg-Meistermann-Museum" zum Opfer. Das Museum heißt seit Mai wieder "Galerie im Alten Rathaus".
Die älteste Arbeit in der Geburtstagsausstellung stammt von 1929: ein an Ketten hängendes Holzkreuz. Bewusst hat Ausstellungsmacherin Eva-Maria Reuther dafür eine Vitrine gewählt, die einen Durchblick zu einem Georg Meistermann-Fenster sucht: der am Kreuz hängende Jesus von Scherl, im Hintergrund der allzeit präsente Tod von Meistermann. Die "jüngste" Arbeit stammt von 1999: eine Bleistiftzeichnung portraitiert Scherls Bruder, damals schon "todesnah". Reuther hat Scherl persönlich kennengelernt, viele Interviews mit ihm geführt und lässt markante Aussagen von ihm in der Ausstellung auf großen Text-Fahnen noch einmal "aufleben".
Innehalten an der Pieta aus Bronze aus dem Jahr 1957. Nicht nur dieses Kunstwerk von Hanns Scherl korrespondiert in der Ausstellung bewußt eingebunden mit Fenstern von Georg Meistermann, wie hier dem Gnadenstromfenster (Foto: Hanns-Wilhelm Grobe).
Unter den interessierten Gästen der Vernissage sind auch Verwandte und Nachkommen von Hanns Scherl. Seine Tochter Marianne Baumüller-Scherl erinnert im überfüllten Festsaal des Alten Rathauses an eine Fülle von Arbeiten ihres Vaters, die zwischen Wittlich, Bitburg, Schweich oder im Cusanus-Stift von Bernkastel Kues noch heute präsent sind. An den 3,4 Meter hohen Stelen am Haus Beda in Bitburg habe Scherl fünf Jahre gearbeitet. Mit ihnen preist er die Künste Musik, Tanz, bildende Kunst und Literatur als "Lebensmittel" für den Menschen und hat sie selbst als Krönung seines künstlerischen Schaffens bezeichnet. Auch das "Zachäus Relief" am Südportal von St. Markus in Wittlich lag ihrem Vater besonders am Herzen. Und in der Kapelle des Cusanusstifts in Bernkastel-Kues schmückt seit 2004 ein Emmaus-Tabernakel von Scherl den Altar in unmittelbarer Nähe des dort aufbewahrten Herzens des Kardinals Nikolaus von Kues.
Hanns Scherl hat in seinem 91jährigen Leben und gut 60 Jahren künstlerischer Arbeit an die 200 Werke geschaffen, davon etwa 60 im öffentlichen Raum, darunter Großplastiken, Brunnenanlagen und Ehrenmale. Einen besonderen Schwerpunkt bilden zudem seine sakralen Arbeiten. Dazu gehört zum Beispiel auch der Altar der Trierer Marktkirche St. Gangolf.
Der Glaube war für Hanns Scherl ein schützender Mantel, in dessen Geborgenheit man sich flüchten konnte. So beginnt der Weg durch die sechs Ausstellungsräume denn auch mit dem sakralen Werk Scherls. Nicht ohne Grund hat er zahlreiche Schutzmantel-Madonnen geschaffen oder Menschen ins Bild gesetzt- darunter immer wieder Soldaten, die sich unter den schützenden Mantel ihres Glaubens flüchten.
Ähnlich durchdrungen war Scherl von seinem Interesse am Menschen und am Menschsein. Portraitbüsten seiner alten Mutter oder von Sanitätsrat Friderichs, Vater von Wirtschaftsminister a. D. Dr. Hans Friderichs weisen Scherl nicht nur als sensiblen Menschenkenner aus, sie ergreifen und führen mit dem Betrachter einen beredten Dialog. Für manchen Wittlicher sind die Porträts zudem ein Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern.

Portraits sind ein zweiter Schwerpunkt im Werk Hanns Scherls. Diesem Thema widmet sich der sechste Raum der Ausstellung in der städtischen Galerie für moderne Kunst im Alten Rathaus (Foto: Hanns-Wilhelm Grobe).
Ein eigener Raum ist der Bronzeskulptur und ihrer Entstehung gewidmet. Die Bronze war wegen ihrer fast unendlichen Formbarkeit Hanns Scherls Lieblingswerkstoff.
Scherl ist im Leben nichts fremd: Im Guten wie im Schlechten: Seine Bilderwelt ist bevölkert von Trauernden und Tanzenden, von Verlassenen und Liebenden, von Glück wie von bitterer Not. Eine der Lieblingsarbeiten von Kuratorin Eva-Maria Reuther ist seine undatierte Kleinplastik "Das Elend". Es gibt wenig Arbeiten, in denen schonungsloser, nacktes, hilfloses Menschsein dargestellt wird. Bedrohung, menschliche Vergänglichkeit aber auch Mitgefühl und Heimweh sprechen aus den aquarellierten Bleistiftzeichnungen, die in Scherls Militärzeit in Russland entstanden sind. Eindeutig sind blaue Pferde erkennbar oder verstümmelte Landarbeiter am Ufer des Dnjpr. Mutig in einer Zeit, wo eine Propaganda-Maschinerie nicht nur die öffentliche Bildsprache diktierte.
Nicht ausgeblendet werden in der Jubiläumsausstellung umstrittene Arbeiten von Hanns Scherl, wie die in einer Vitrine ausgestellte Holzschnittmappe für den Wittlicher "Opferring" von 1936. Für die aufgeschlagene Auftragsarbeit lieferte Hanns Scherl –als Gebrauchsgrafiken- die Illustrationen. "Die Inhalte haben wie bei jeder Eigenwerbung die Auftraggeber vorgegeben" erklärt Eva-Maria Reuther bei der Einführung in die Ausstellung.
Selbst das ebenfalls in der Vitrine ausgestellte Relief "Schaffende Jugend" von 1937, das bei einer Ausstellung 1938 prämiert wurde, habe nichts Heroisches im Sinne nationalsozialistischer Ideologie. Die dürren Körper der jungen im Wasser grabenden Männer seien dem Expressionismus verpflichtet und zeugten von Armut und hartem Leben wie auch dem des jungen Künstlers.
Die Vitrine betrachten die Ausstellungsmacher als "Beitrag zur geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Bewusstseinsbildung für jedermann", aber ganz besonders für Schüler und Jugendliche. "Wir müssen aufklären und über Wissen Bewusstsein schaffen", so Eva-Maria Reuther. Mit Originaltexten und aktuellen Beiträgen zur Kunst im 3. Reich wird in der Vitrine die Funktion der Kunst und der Medien als Propaganda-Instrumente im NS Regime dargestellt. Zu finden sind Texte zur Gleichschaltung der Presse, zur Reichskulturkammer, zur Situation der Künstler und anderes. Daneben ist der Beitrag von Franz-Josef Schmit im Kreisjahrbuch 2010 zur Rolle von Peter Kremer und Hanns Scherl im Nationalsozialismus ausgelegt, sowie der Aufsatz von Thomas Schnitzler über die regionale Kunstszene in der NS-Zeit im Kur-Trierischen Jahrbuch 2009.
Die Ausstellung (16. Mai bis 8. August) ist Dienstag bis Freitag von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 17 Uhr zu sehen, Samstag von 11 bis 17 Uhr, Sonntag und an Feiertagen von 14 bis 17 Uhr. Gruppenführungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Anfrage, Telefon 06571/ 14 66-0.
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